Carl von Linné – Leben, Werk & Reisetipps

Carl von Linné: Wer war er und wo findest du ihn in Schweden?

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Carl von Linné war ein schwedischer Naturforscher, Abenteurer und Selbstdarsteller. Ihm verdanken wir den Namen „Homo sapiens”. Eine Geschichte über Pflanzen, Lappland, eine Banane im Gewächshaus und einen Wissenschaftler ohne falsche Bescheidenheit. Begib dich jetzt auf Spurensuche!

Solche Landschaften liebte Linné besonders. (Foto: Andrea Ullius)

«Gott schuf, Linné ordnete.» So steht es in alten Büchern, die gerne als Beweis für Linnés Grösse zitiert werden. Was kaum jemand weiss: Das Zitat stammt von Linné selbst. Man muss das kurz sacken lassen. Dieser Mann schrieb gleich drei Autobiografien, in denen er sich selbst lobte. Er bezeichnete sich öffentlich als «den grössten Botaniker aller Zeiten». Und sein Hauptwerk «Systema Naturae» bezeichnete er als «ein Meisterwerk, das niemand zu oft lesen oder zu viel bewundern kann». Das war im 18. Jahrhundert. Es gab noch kein Twitter. Das war einfach Carl von Linné. Ich könne in Versuchung geraten Vergleiche zu einem gewissen Amerikanischen Präsidenten zu ziehen.

Die Welt hörte ihm aufmerksam zu. Jean-Jacques Rousseau schrieb: «Ich kenne keinen grösseren Menschen auf Erden als Linné.» Goethe bekannte, dass ihn unter den Verstorbenen nur Shakespeare und Spinoza stärker beeinflusst hätten. Und der schwedische Dichter August Strindberg sah ihn aus einem anderen Winkel: «Linné war in Wirklichkeit ein Dichter, der zufällig Naturforscher wurde.» Das ist eine Aussage, die sowohl Lob als auch eine leise Relativierung bedeuten kann.

Diese Skultur ist bei Linnés Råshult in Småland zu sehen. (Foto: Andrea Ullius)

Wer also war dieser Mann? Und warum sollte dich das interessieren, wenn du nach Schweden reist? Weil Linnés Geschichte besser klingt als die meisten Abenteuerromane. Weil du in Uppsala noch heute seinen Garten, sein Haus und sein Grab besuchen kannst. Und weil kein anderer Schwede unser Bild von der Natur so grundlegend geprägt hat.

Ein Pfarrerssohn, der bei Blumen lächelte

Carl Nilsson Linnaeus wurde am 23. Mai 1707 auf dem Pfarrhof Råshult in der südschwedischen Provinz Småland geboren. Bereits als Säugling lächelte er, so berichten Zeitzeugen, wenn man ihm eine Blume in die Hand gab. Mit drei Jahren war dies das einzige Mittel, das ihn zuverlässig beruhigte. Mit fünf Jahren hatte er einen eigenen Garten. Das klingt nach einer schönen Familienlegende. Es ist aber auch eine ziemlich treffsichere Charakterbeschreibung für jemanden, dessen gesamtes weiteres Leben von Pflanzen geprägt war.

Sein Vater Nils war Pfarrer und leidenschaftlicher Gärtner, zwei Berufungen, die er zu verbinden wusste. Er kultivierte in seinem Garten Pflanzen aus Deutschland, die in Schweden kaum bekannt waren, und führte den kleinen Carl wie andere Väter ihre Kinder durch die Bibliothek durch die Beete. 1709 zog die Familie ins nahegelegene Stenbrohult, wo Nils eine neue Pfarrstelle antrat. Dort wuchs Carl auf, zwischen Wiesen, Seen und einem Vater, für den jede Pflanze einen Namen hatte.

In der Kirche von Stenbrohult war der Vater von Carl von Linné lange Zeit tätig. (Foto: Andrea Ullius)

Die Schule in Växjö interessierte Carl wenig. Für Theologie, Griechisch und Hebräisch, das Rüstzeug künftiger Pfarrer, brachte er kaum Leistung. Für Latein und Naturkunde hingegen brannte er. Entsprechend fiel das Abschlusszeugnis des Direktors aus: «Der Junge taugt nicht für die Universität.»

Dann passierte etwas, das Carl von Linnés Leben für immer veränderte. Sein Vater tadelte ihn eines Tages, weil er den Namen einer Pflanze vergessen hatte. Das traf Carl offenbar tief. Er fasste einen Entschluss, den er nie mehr losliess: Kein Ding in der Natur sollte namenlos bleiben. Kein Kraut, kein Blümchen, kein Moos. Alles würde seinen Platz bekommen. Das war Carl Linnaeus mit vielleicht fünfzehn Jahren. Und er meinte es ernst.

Zwei Männer, die Carl von Linné aus der Mittelmässigkeit hoben

Es war der Arzt und Familienfreund Johan Stensson Rothman, der den ersten entscheidenden Schritt tat. Er erkannte das aussergewöhnliche Potenzial des unbrauchbaren Gymnasiasten, nahm ihn bei sich auf und unterrichtete ihn privat in Physiologie, Botanik und aktueller Wissenschaft. Auch mit dem Pflanzensystem des Franzosen Joseph Pitton de Tournefort machte er ihn vertraut. In Carl Linné öffnete sich etwas.

1727 begann er ein Medizinstudium in Lund. Ein Jahr später wechselte er nach Uppsala, das als besser für Naturwissenschaften galt. Was er dort vorfand, war ernüchternd: müde Professoren, kaum echte Vorlesungen und ein Botanischer Garten mit überschaubaren Beständen. Linnaeus begann, sich selbst zu unterrichten.

Die Universität von Uppsala, so, wie sie sich heute präsentiert. (Foto: Destination Uppsala – Alex Giacomini)

Rettung kam durch Olof Celsius, Theologieprofessor und kenntnisreicher Hobby-Botaniker. Er gab dem jungen Studenten Unterschlupf in seinem Haus und Zugang zu seiner Privatbibliothek. Linnaeus nutzte beides mit einer Intensität, die man heute wohl als obsessiv bezeichnen würde.

Und dann passierte das Unvermeidliche: Der Student wurde wichtiger als seine Professoren. Linnaeus war so gut in Botanik, dass er schon im dritten Studienjahr einen Lehrauftrag erhielt und Vorlesungen vor anderen Studenten hielt. Bis zu dreihundert Zuhörer sollen gekommen sein. Für Botanik. Im 18. Jahrhundert. In Uppsala.

Wenn andere ein Picknick machen

Bevor wir uns über Linnés Reise nach Lappland unterhalten, müssen noch einige Geschichten erzählt werden, die seine Methode verdichten. Bei einer Exkursion mit Kommilitonen auf eine Insel im Mälarsee nahe Uppsala machten die meisten Studenten das, was Studenten bei Ausflügen eben tun: Sie veranstalteten ein Picknick. Nicht so Linné. Er schritt die Insel systematisch ab, Längs- und Querrichtung, kaum zwei Fuss zwischen den Bahnen, wie beim Pflügen. Kein Kraut, kein Käfer entging ihm. Am Abend hatte er 88 Pflanzenarten dokumentiert. Eine spätere wissenschaftliche Bestandsaufnahme derselben Insel ergab, dass dabei nur 17 Arten unentdeckt geblieben waren. Das war kein Fleiss. Das war eine Weltanschauung.

Es war einer seiner Vorlesungsinhalte, der für Aufruhr sorgte und zwar im denkbar günstigsten Sinne für die Bekanntheit Linnaeus. Er hatte eine kühne Idee entwickelt, die er bereits als Student in seiner Schrift «Praeludia Sponsaliorum Plantarum» ausarbeitete: Pflanzen pflanzen sich wie Tiere und Menschen fort, nämlich durch geschlechtliche Fortpflanzung. Die Staubblätter einer Blüte bezeichnete er als «Ehemänner», den Stempel als «Ehefrau» und die Blüte selbst als ihr gemeinsames «Brautbett». Diese bildhafte Sprache war pädagogisch wirksam, botanisch korrekt und empörte einen beträchtlichen Teil der Gelehrtenwelt.

Eine Statue zum Gedenken an Carl von Linné bei der Kirche von Stenbrohult. (Foto: Andrea Ullius)

Der in St. Petersburg wirkende deutsche Botaniker Johann Georg Siegesbeck bezeichnete Linnaeus Ansatz als «abscheuliche Hurerei» und als Zumutung für den anständigen Wissenschaftsbetrieb. Linnaeus revanchierte sich auf seine unverwechselbare Art, indem er eine klebrige, übelriechende Unkrautart nach Siegesbeck benannte. Sigesbeckia. Die Ironie dabei ist, dass Sigesbeckia orientalis in der traditionellen chinesischen Medizin seit Jahrhunderten als Heilpflanze geschätzt wird, in der Pharmakologie bis heute erforscht wird und gegen Rheuma, Arthritis und Entzündungen eingesetzt wird. Das hätte Linnaeus mit Vergnügen festgestellt.

Der Skandal um das Pflanzensexualsystem trug dazu bei, dass sein Name weit über Uppsala hinaus bekannt wurde. Man sprach über ihn, und das war in der Wissenschaft des 18. Jahrhunderts der erste Schritt zur Unsterblichkeit.

Nach Lappland, auf Teufel komm raus

Am 12. Mai 1732, einen Tag vor seinem 25. Geburtstag, verließ Carl Linnaeus die Stadt Uppsala in Richtung Norden. Die Königliche Wissenschaftsgesellschaft in Uppsala hatte ihm ein Stipendium bewilligt, um Lappland zu erforschen. Das nördlichste Schweden war damals eine weitgehend unerforschte Region. Eine Region, in der ein Vorgänger gescheitert war, weil seine Aufzeichnungen beim Stadtbrand von Uppsala im Jahr 1702 vernichtet worden waren.

Linnaeus packte ein: Tagebuch, Mikroskop, kleines Teleskop, Papier zum Pressen von Pflanzen, ein Flintgewehr, einen Schleier gegen die Mücken und Lederhosen. Zu Fuss und zu Pferd machte er sich auf den Weg. Über weite Strecken war er ohne wissenschaftliche Begleitung unterwegs und wurde nur von lokalen Sámi-Führern begleitet, die er unterwegs traf. Er übernachtete bei Pfarrfamilien und Beamten entlang der Route. Fünf Monate lang legte er über 2.000 Kilometer durch eine der unwirtlichsten Landschaften Skandinaviens zurück.

Solche Landschaften faszinierten Linné auf seiner Reise durch Lappland. (Foto: Andrea Ullius)

Er durchquerte endlose Wälder und Moore, war oft durchnässt und wurde von Myriaden von Mücken verfolgt. Er erlebte gefährliche Flussüberquerungen und Boote, die beinah gekentert wären. Einmal geriet er in einen Steinschlag, ein anderes Mal löste sich versehentlich ein Schuss aus seinem Gewehr. Beide Male überlebte er mit Glück. Trotzdem war Linnaeus verzaubert. Die Mitternachtssonne tauchte die Nächte in magisches Licht. Er entdeckte Pflanzen und Tiere, die noch kein Wissenschaftler beschrieben hatte. Über hundert neue Arten. Er studierte die Lebensweise der Sámi mit echtem Respekt und Staunen. Ihre Fähigkeit, jeden Teil des Rentiers zu nutzen, ihre Trachten und ihre Kenntnis der Natur faszninierten ihn.

Linnaeus liess sich von den Sámi eine vollständige traditionelle Tracht mit Fellstiefeln, Lederrock und spitzer Mütze anfertigen und trug sie nach seiner Rückkehr nach Uppsala weiter. So lief Schwedens führender Wissenschaftler in Samitracht durch die Universitätsstadt. Mit einer Schamanentrommel unterm Arm. Und mit einer Pflanzenpresse.

Linnaeus borealis. (Foto: Peter Klopp)

Ein kleines, unscheinbares Blümchen mit rosa-weissen Glöckchen, das in Lapplands Wäldern wuchs, sollte ihn nie mehr loslassen: die Linnaea borealis, das Moosglöckchen. Sein Freund Jan Fredrik Gronovius benannte es später nach ihm. Es wurde das Motiv seines Wappens. Als einige Jahre später ein Porträt von ihm gemalt wurde, posierte Linnaeus selbstverständlich im Lappländer-Kostüm und hielt einen Blütenzweig des Moosglöckchens in der Hand. Das Bild hätte auch ein Entdecker nach einer Weltexpedition in Auftrag geben können. Linnaeus hatte jedoch lediglich sein eigenes Land bereist.

Am 10. Oktober 1732 kehrte er nach Uppsala zurück. Er hatte einen Kopf voller Notizen, die die Biologie für immer verändern würden. Über die Reise selbst hatte er eine eindeutige Meinung: Eine so beschwerliche Expedition, schrieb er, würde er «nicht einmal einem zum Tode Verurteilten als Strafe wünschen». Lappland sollte sein einziges grosses Abenteuer dieser Art bleiben. Die späteren Forschungsreisen unternahm er unter weitaus komfortableren Umständen oder er schickte seine Studenten.

Hamburg, eine falsche Hydra und ein schneller Doktortitel

Im Jahr 1734 reiste Linnaeus nach Dalarna, einer Provinz, die für ihren berühmten Kupferbergbau bekannt ist. In Falun traf er Sara Elisabeth Moræa, die Tochter eines angesehenen Arztes. Es funkte. Er hielt um ihre Hand an. Ihr Vater war unter einer Bedingung einverstanden : Carl solle erst die Promotion abschliessen und sich einen Namen in der Wissenschaft machen. Dann könne man reden. Linnaeus stimmte zu und brach 1735 nach Holland auf.

Auf dem Weg durch Hamburg wurde ihm ein wissenschaftliches «Wunder» vorgeführt: eine siebenköpfige Hydra, die präpariert und im Rampenlicht präsentiert wurde. Linnaeus liess sich jedoch nicht beeindrucken. Er erkannte die Fälschung und notierte sie trocken in seinem Tagebuch. Dann reiste er weiter.

Für jede dieser Blumen hat Linné einen Namen definiert. (Foto: Andrea Ullius)

In Harderwijk, einer Universität, die damals für besonders zügige Examina bekannt war, legte er die Prüfungen ab, reichte seine vorbereitete Dissertation zum Thema «Wechselfieber, das er auf Lehmgehalt im Trinkwasser zurückführte» ein. Das war eine Hypothese, die später widerlegt wurde, die aber im Rahmen des damaligen Wissensstands lag. Somit erlangte Linné den Doktortitel. Damit hatte er das Versprechen gegenüber Saras Vater erfüllt. Doch Linnaeus blieb noch drei Jahre in den Niederlanden.

Die Niederlande: Der Rahmen, die Namen, eine Banane

In Leiden traf er auf Jan Fredrik Gronovius, Ratsherr in Leiden und Botaniksammler. Dieser war von Linnés Ideen so beeindruckt, dass er spontan das Geld für den Druck seiner Manuskripte bereitstellte.

1735 erschien in Leiden das «Systema Naturae», Linnés erstes grosses Werk. Das elfseitige Folioheft legte das Fundament der modernen Biologie. Es gliederte die Natur in die drei Reiche Pflanzen, Tiere und Mineralien, die wiederum in Klassen, Ordnungen, Gattungen und Arten unterteilt wurden. Das war das Gerüst. Die konsequente Umsetzung des binären Namenprinzips, bei dem jede Art einen zweiteiligen lateinischen Namen trägt, bestehend aus Gattungsname und Artepitheton, vollendete Linnaeus in den Jahren 1753 mit dem «Species Plantarum» und 1758 mit der zehnten Ausgabe des «Systema Naturae». Erst dort stehen die Namen, die die Welt kennt: Homo sapiens, Bellis perennis, Panthera leo.

Die Publikation «Systema Naturae» (Foto: linnean.org)

Das Werk verbreitete sich unter Gelehrten wie ein Lauffeuer. Vor Linnaeus hatten dieselben Pflanzen verschiedene, teils seitenlange Beschreibungsnamen in verschiedenen Sprachen. Danach: Zwei Wörter. Schluss.

Doch Linné erlebte in Holland noch einen zweiten, weniger bekannten, aber eigentlich viel amüsanteren Triumph. Er brachte im Gewächshaus seines Arbeitgebers, des wohlhabenden Bankiers und Pflanzenliebhabers George Clifford in Hartecamp bei Haarlem unter dem kühlen Himmel Nordhollands, einen Bananenbaum zum Blühen und Fruchten. Mit voller wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit gab er der Banane den Namen Musa paradisiaca, da er vermutete, dass es sich um die biblische Paradiesfrucht handeln könnte. Der Überlieferung nach schickte er ein Körbchen dieser Früchte an den schwedischen Königshof. König Adolf Fredrik soll damit einer der ersten Schweden gewesen sein, die je eine Banane zu Gesicht bekamen.

Stockholm: Arzt der diskreten Leiden

Im Jahr 1738 kehrte Linné, der inzwischen in europäischen Gelehrtenkreisen bekannt war, in die Heimat zurück. Er liess sich in Stockholm nieder und eröffnete eine Arztpraxis. Die Konkurrenz war gross und die Kundschaft zunächst spärlich. Linnaeus fand jedoch seine Nische: Er behandelte junge Adlige mit delikaten Beschwerden: Gonorrhö war in der Stockholmer Gesellschaft des 18. Jahrhunderts keine Seltenheit. Mit Diskretion und offenbar echtem Behandlungserfolg baute er sich schnell einen Namen auf.

Ein Portrait von Linné. Zu sehen Linné Museum in Uppsala. (Foto: Andrea Ullius)

Ein Botaniker, der nebenbei die Liebeskrankheiten der feinen Gesellschaft kuriert, ist kein Widerspruch, sondern eine Charakteristik. Im Juni 1739 heiratete er Sara Elisabeth Moræa, die geduldig gewartet hatte. Im selben Jahr war er Mitgründer der Kungliga Vetenskapsakademien, der Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaften, und wurde ihr erster Präsident.

Professor im roten Rock

Im Jahr 1741 wurde Linnaeus mit 34 Jahren Professor an der Universität Uppsala. Er baute den Botanischen Garten aus, liess Pflanzen aus aller Welt kommen – bis zu 3.000 Arten wurden gleichzeitig kultiviert – und ordnete sie nach seinem System. Als Lehrer war er eine Erscheinung. Er sprach frei, ohne Manuskript, mit Anekdoten und Vergleichen, die selbst komplizierte Systeme anschaulich machten. In rotem Rock, Dreispitz und mit Wanderstock führte er seine Studenten durch die Umgebung Uppsalas: zu den Flussauen des Kungsängen, in die Wälder südlich der Stadt und bis zu seinem eigenen Landgut Hammarby.

Seerosen auf dem Fyrisån in Uppsala. (Foto: Andrea Ullius)

Diese Exkursionen, bekannt als «Herbationes Upsalienses», waren legendär. Manchmal brachen hundert Studenten auf einmal auf. Unterwegs prüfte Linnaeus die Studenten: Wer den lateinischen Namen einer Pflanze nicht kannte, bekam das unmittelbar zu spüren. Die begabtesten Studenten nannte er seine «Apostel» und schickte sie in die Welt, beispielsweise nach Nordamerika, Südafrika oder Ostasien. Sie sammelten Pflanzen und Tiere nach seinem System und schickten alles nach Uppsala. Linnaeus selbst verliess Nordeuropa nach seiner Rückkehr aus Holland nie wieder. Er musste auch nicht. Die Welt kam in Kisten und Fässern zu ihm.

Hammarby: Eine Zuflucht und das erste Museum Schwedens

Im Jahr 1758 kaufte Linnaeus das rund 15 Kilometer südöstlich von Uppsala gelegene Landgut Hammarby. Er nannte es «eine Zuflucht vor der ungesunden Stadt». Uppsala kämpfte damals mit Seuchen und schlechter Hygiene. Linné verbrachte fortan die Sommer mit seiner Familie auf dem Landgut.

Linnés Hammarby bei Uppsala. (Foto: Destination Uppsala – Gustav Dalesjö)

Er legte in Hammarby auch einen Garten an, der halb Nutzgarten und halb Freiluftlabor war. Studenten kamen hinaus und wurden im Freien unterrichtet. Auf einem Hügel hinter dem Haus liess Linnaeus zudem ein kleines Steingebäude errichten: feuerfest, mit Schloss und Riegel, zur sicheren Aufbewahrung seiner Sammlungen. Dieses schlichte Häuschen gilt heute als das erste eigens errichtete Museumsgebäude Schwedens. Hammarby ist heute einer der am besten erhaltenen Herrensitze des 18. Jahrhunderts im Land.

Adel, Homo sapiens und das Erbe eines Zeitalters

In der zehnten und folgenreichsten Ausgabe des «Systema Naturae» aus dem Jahr 1758 führte Linnaeus die Ordnung der Primaten ein und setzte den Menschen mit dem Namen Homo sapiens neben Schimpansen und Orang-Utans. Für seine Zeitgenossen war das ein Skandal. Linnaeus liess das kalt. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit verzichtete er bei der Definition der Gattung Homo auf anatomische Beschreibungen und notierte stattdessen: «Nosce te ipsum», erkenne dich selbst. Seiner Überzeugung nach liege der Unterschied zwischen Mensch und Tier nicht im Körper, sondern in der Fähigkeit zur Selbstreflexion.

Im Jahr 1761 erhob König Adolf Fredrik Carl Linnaeus in den Adelsstand. Seither nannte er sich Carl von Linné. Unter diesem Namen ist er heute weltweit bekannt. Sein Wappen zeigte drei Felder in den Farben Rot, Schwarz und Grün für die drei Naturreiche. In der Mitte war ein Ei als Symbol des Lebens zu sehen und als Helmzier diente die Linnaea borealis, sein Moosglöckchen aus Lappland. Sein Motto stammte aus Vergils Aeneis: «Famam extendere factis», wir breiten unseren Ruhm durch unsere Taten aus.

Carl von Linné liegt im Dom von Uppsala begraben (Foto: Andrea Ullius)

Er veröffentlichte in seinem Leben über 70 Bücher und 300 wissenschaftliche Arbeiten. Mit dem «Species Plantarum» von 1753 legte er die bis heute gültigen wissenschaftlichen Namen für über 7.700 Pflanzenarten fest. In der zehnten Ausgabe des «Systema Naturae» waren bereits 4.400 Tierarten erfasst.

Carl von Linné starb am 10. Januar 1778 im Alter von 70 Jahren in Uppsala nach mehreren Schlaganfällen. Er wurde 70 Jahre alt. Er wurde im Dom zu Uppsala begraben.

Das Erbe und ein nachdenklicher Blick

Im Jahr 1959 erklärte der Botaniker William Thomas Stearn das Skelett von Linnaeus im Dom zu Uppsala gemäss den Regeln der zoologischen Nomenklatur zum Referenzexemplar der Art Homo sapiens. Wer Homo sapiens beschreiben will, muss gemäss dem Regelwerk Carl von Linné beschreiben. Das muss man nicht lustig finden. Aber man darf.

Darwins Evolutionstheorie baute unmittelbar auf Linnés taxonomischem Gerüst auf. Ohne eine systematische Ordnung der Arten wäre die Frage nach ihrer gemeinsamen Herkunft kaum präzise zu stellen gewesen. Linné selbst glaubte an die Unveränderlichkeit der Arten, eine Überzeugung, die Darwin später widerlegte. Aber er hatte die Grundlagen geschaffen, auf denen Darwin aufbauen konnte.

Solche Orte liebte Linné. (Foto: Andrea Ullius)

Linné war kein Heiliger, und das verdient mehr als eine Zeile. Seine Einteilung der Menschen in geografische Varietäten – europaeus, americanus, asiaticus und africanus – war keine neutrale Beschreibung. Er verknüpfte diese Kategorien mit Charakterzuschreibungen, die die kolonialen Vorurteile seiner Zeit widerspiegelten und später von pseudowissenschaftlichen Rassenlehren instrumentalisiert wurden. Linnaeus wollte klassifizieren, nicht bewerten, doch Klassifikationssysteme sind nie vollständig wertfrei, insbesondere wenn sie Menschen betreffen. Diese Seite seines Werks ist heute Gegenstand ernsthafter historischer Debatten und das zu Recht. Die binäre Nomenklatur hat sich hingegen als universell nützlich erwiesen und überdauert. Die Einteilung der Menschen hingegen gehört in die kritische Wissenschaftsgeschichte, nicht in die Lehrbuchtradition.

Råshult in Småland war der Geburtsort von Linné. (Foto. Andrea Ullius)

Linnaeus sagte einmal: «Schweden, das ist mein Paradies.» Er erforschte sein Land sein ganzes Leben lang und beschrieb es mit einer Genauigkeit und Begeisterung, die bis heute nachwirken.

Auf den Spuren Linnés: Wohin in Schweden?

Die Linné-Stätten Schwedens liegen weit verstreut, von Småland im Süden bis nach Lappland im Norden. Wer gezielt plant, findet das Wichtigste rund um Uppsala konzentriert – ideal für einen mehrtägigen Ausflug aus Stockholm, das per Schnellzug rund 40 Minuten entfernt liegt. Die Hauptsaison für alle Linné-Museen ist Mai bis September.

Der Linne-Garten in Uppsala. (Foto: Andrea Ullius)

Uppsala: Linné-Garten und Linnæus-Museum: Der älteste Botanische Garten Schwedens, 1655 angelegt, wurde unter Linné ab 1741 zu einem der bekanntesten weltweit. Das ehemalige Professorenhaus daneben ist heute das Linnæus-Museum mit Originalmöbeln, handbemalten Leinentapeten und persönlichen Gegenständen aus dem 18. Jahrhundert. Im Garten wachsen ausschließlich Pflanzen, die aus Linnés eigenen Sammlungen belegt sind. Rund 1’300 Arten sind angeordnet nach seinem Sexualsystem. Ein Café serviert direkt am Garteneingang die berühmte „Linnaeus-Semla“ und andere Kleinigkeiten. 

Linnéträdgården
Svartbäcksgatan 27 B, SWE 753 32 Uppsala
https://www.uu.se/en/linnaeus-garden/visit-us
Blick ins Linnaeus Museum in Uppsala. Foto Andrea Ullius)

Linnés Hammarby: Das Landgut, rund 15 Kilometer südöstlich von Uppsala, ist einer der am besten erhaltenen Herrensitze des 18. Jahrhunderts in Schweden. Originalmöbel, Originalgarten, originalgetreue Atmosphäre. Das kleine Steinmuseum auf dem Hügel, Schwedens erstes eigens gebautes Museumsgebäude, steht noch.

Linnés Hammarby
Danmarks-Hammarby, SWE 741 76 Uppsala
https://www.uu.se/linnes-hammarby/
Linnés Hammarby bei Uppsala. (Foto: Destination Uppsala – Gustav Dalesjö)

Der Dom zu Uppsala In der gotischen Kathedrale liegt Linné begraben, eine schlichte Platte im nördlichen Seitenschiff, meist mit frischen Blumen geschmückt. Bemerkenswert still für jemanden, der so laut war. Der Dom ist täglich geöffnet und kostenfrei.
https://www.svenskakyrkan.se/uppsaladomkyrka/information-in-english

Die acht Linné-Wanderwege Markierte Routen zwischen vier und sechzehn Kilometern führen durch die Umgebung Uppsalas. Linnaeus war der Überzeugung, draußen lerne man am besten. Der Beweis steht noch auf den Wegweisern.
https://linnestigarna.se/en/

Linnés Råshult Kulturreservat: Linnés Geburtsort, rund zehn Kilometer nördlich von Älmhult, ist heute ein 42 Hektar grosses Kulturreservat und zwar kein museales Diorama, sondern ein aktiv bewirtschafteter Hof. Äcker und Wiesen werden nach historischen Methoden gepflegt, Tiere grasen in Einzäunungen aus Holzzäunen des 18. Jahrhunderts.

Bauern, wie zu Linnés Zeiten. (Foto: Andrea Ullius)

Das ursprüngliche Wohnhaus brannte Ende der 1720er nieder; der heutige Bau entstand zwischen 1751 und 1781 und wurde 1923 restauriert. Die Gärten dagegen wurden auf Basis alter Beschreibungen rekonstruiert. Wer durch diese Beete geht, versteht, warum jemand, der hier aufwuchs, irgendwann beschlossen hat, jeder Pflanze einen Namen zu geben. Empfehlenswert ist auch der Linnés kyrkstig, der orange markierte Kirchenweg, auf dem der junge Carl wöchentlich die zwei Kilometer nach Stenbrohult lief. Das Gartencafé kocht vegetarisch, meist mit Zutaten aus eigenem Anbau. 

Linnés Råshult Kulturreservat
Råshult 78, SWE 343 71 Diö
https://linnesrashult.se
Linnés Råshult Kulturreservat biete auch Führungen an. (Foto: Andrea Ullius)

Stenbrohult am See Möckeln: Wenige Kilometer von Råshult entfernt liegt die Pfarrkirche Stenbrohult, wo Linnés Vater Nils begraben liegt und ein Linné-Denkmal an den berühmten Sohn des Dorfes erinnert. Die Lage am idyllischen Möckeln ist allein schon den Abstecher wert.

Stenbrohults kyrka
343 71 Diö
https://www.svenskakyrkan.se/stenbrohult
Stenbrohults kyrka (Foto: Andrea Ullius)

Für Abenteuerlustige: Lappland In Kvikkjokk, wo Linnaeus 1732 die Fjällgrenze überschritt, beginnt heute ein Wanderweg namens „Linnéstig“. In Lycksele erinnert ein kleiner Linné-Park an seinen Besuch. Im Ajtte-Museum in Jokkmokk erfährt man mehr über die samische Kultur, die ihn so faszinierte. Der Reiseweg von 1732 ist in seinem Tagebuch Schritt für Schritt dokumentiert.

Stockholm Das Naturhistorische Reichsmuseum (Naturhistoriska riksmuseet) zeigt eine Linné-Ausstellung mit Originalstücken. Im Humlegården-Park steht ein Linné-Denkmal aus dem 19. Jahrhundert. Im Sommer bieten Stadtführungen Touren zu Linnés Stockholmer Jahren an.

Naturhistoriska riksmuseet
Frescativägen 40, SWE 114 18 Stockholm
https://www.nrm.se

Wer heute ein Tier beobachtet, eine Pflanze bestimmt oder schlicht „Homo sapiens“ liest, bewegt sich im Koordinatensystem eines schwedischen Pfarrerssohns aus Småland. Mit Lederhosen. Einem Mückenschleier. Und einem Schwur, den er sich als Jugendlicher gegeben hatte: Kein Ding in der Natur soll namenlos bleiben.

Linné muss man nicht hinterherhetzen. Man muss Linné auf sich wirken lassen. (Foto: Andrea Ullius)

„Schweden – das ist mein Paradies“, sagte er. In Uppsala kannst du ihm noch begegnen. In seinem Garten. In seinem Haus. In seinem Dom. «Gott schuf. Linné ordnete.“ Der Mann hat nicht zu viel versprochen.

Quellenverzeichnis und Nachweis

Zur Recherche und zur Textverbesserung habe ich folgende Tools angewendet: Claude.AI, Deepl. Alle Textstellen wurden von mir persönlich erstellt, die AI Recherche soweit möglich geprüft und verifiziert.

Wissenschaftliche Monografien und Primärquellen

Blunt, Wilfrid: Linnaeus: The Compleat Naturalist. Princeton University Press, Princeton 2001.
Koerner, Lisbet: Linnaeus: Nature and Nation. Harvard University Press, Cambridge (MA) 1999.
Linnaeus, Carl: Lappländische Reise und andere Schriften [Iter Lapponicum, 1732, posthum hg.]. Leipzig 1991.

Online-Quellen und Dokumentationen 4. Wikipedia (DE): Carl von Linné – https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_von_Linn%C3%A9 5. Wikipedia (EN): Carl Linnaeus – https://en.wikipedia.org/wiki/Carl_Linnaeus 6. Wikipedia (DE): Expedition nach Lappland – https://de.wikipedia.org/wiki/Expedition_nach_Lappland 7. Wikipedia (DE): Linnés Hammarby – https://de.wikipedia.org/wiki/Linn%C3%A9s_Hammarby 8. The Linnean Society London: Linnaeus in Lapland – https://www.linnean.org/news/2020/02/04/4-february-2020-linnaeus-in-lapland 9. Library of Congress Blog: Entering a New World: The Northern Travels of Carl Linnaeus in 1732 – https://blogs.loc.gov/international-collections/2017/07/entering-a-new-world-the-northern-travels-of-carl-linnaeus-in-1732/ 10. Uppsala University / Gustavianum: Linnaeus‘ Hammarby – https://www.uu.se/en/linnaeus-hammarby 11. Uppsala University: The Linnaeus Garden – Visit Us – https://www.uu.se/en/linnaeus-garden/visit-us 12. Destination Uppsala: The Linnaeus Garden & Museum – https://destinationuppsala.se/en/see-do-eat/the-linnaeus-garden/ 13. Linnaeus‘ Uppsala (offizielle Touristeninformation): https://linnaeusuppsala.com 14. Visit Sweden (DE): Uppland in Mittelschweden – https://visitsweden.de/regionen/mittelschweden/uppland/ 15. Encyclopaedia.com: Linnaeus, Carl (Carl von Linné; 1707–1778; Ennobled 1761) – https://www.encyclopedia.com/history/encyclopedias-almanacs-transcripts-and-maps/linnaeus-carl-carl-von-linne-1707-1778-ennobled-1761 16. New World Encyclopedia: Carolus Linnaeus – https://www.newworldencyclopedia.org/entry/Carolus_Linnaeus 17. Wissenschaft.de: Lasst sie Menschen sein! (Homo sapiens und Primaten) – https://wissenschaft.de/umwelt-natur/lasst-sie-menschen-sein 18. L.I.S.A. Wissenschaftsportal Gerda Henkel Stiftung: Der Kanzleibeamte des Herrgotts – https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/carl_von_linne_systema_naturae 19. Hektoen International: Carl Linnaeus – The young botanist, natural scientist, and physician – https://hekint.org/2024/03/04/carl-linnaeus-the-young-botanist-natural-scientist-and-physician/ 20. ResearchGate / NCBI: A Detailed Review on Siegesbeckia orientalis (zu medizinischer Nutzung) – https://www.researchgate.net/publication/361840712 21. Stuart Exchange: Sigesbeckia orientalis – https://www.stuartxchange.org/Put.html (zu Namensherkunft und Siegesbeck-Fehde).

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Autor des Artikels

Andrea Ullius
DROGIST - AUTOR - BLOGGER UND SCOUT Vom Norden begeistern, am Rest der Welt interessiert. Schreibt vorwiegend in und über Schweden, Skandinavien und die Schweiz. Ich schreibe auf www.schwedenhappen.ch und www.ullala.ch Freischaffender Autor für NORDIS MAGAZIN, NORDCAMPER und NORDLAND MAGAZIN und weitere. MEMBER of DEUTSCHER VERBAND DER PRESSEJOURNALISTEN. MEMBER OF SWISS TRAVELCOMMUNICATORS. AMBASSADOR of SKANDINAVIEN.LIVE.