In Zeiten einer latenten europäischen Krisenstimmung erscheint das «Nordische Modell» wie ein Fels in der Brandung. Woher stammt diese Faszination für unsere nördlichen Nachbarn, und ist die Realität tatsächlich so makellos? Solchen Fragen gehen die 20. Internationalen Kurzfilmtage Winterthur vom 8. bis 13. November 2016 auf den Grund.

Northbound, Norway 2015 (Foto: Kurzfilmtage Winterthur)
Northbound, Norway 2015 (Foto: Kurzfilmtage Winterthur)

Schweden, Norwegen, Dänemark, Island und Finnland – diese fünf Länder des Nordens scheinen momentan einiges richtig zu machen. Der Wohlfahrtsstaat ist intakt, die Gleichberechtigung der Geschlechter aussergewöhnlich hoch, und betreffend Lebensqualität, Zufriedenheit und Innovationskraft rangiert man regelmässig an der Weltspitze.

Auch in der Welt des Films nehmen die nordischen Länder eine besondere Stellung ein – skandinavische Serienproduktionen und Autorenfilme werden auf der ganzen Welt gefeiert, und Dänemark hat mit seiner Dogma95-Bewegung das europäische Autorenkino gar wesentlich geprägt. Das «Nordische Modell» als eine einzige Erfolgsgeschichte? Wie so oft zeigt sich bei genauerer Betrachtung eine differenziertere Realität – und es wird klar, dass es «den Norden» ebenso wenig gibt wie ein eindeutiges «Nordisches Modell».

Kurzfilmtage Winterthur
Lumikko/The Little Snow Animal (Finnland 2009) von Miia Tervo

Entsprechend zelebrieren die Kurzfilmtage im Grossen Fokus unter dem Sammeltitel «Nordische Länder» nicht einfach nur das grossartige nordische Kurzfilmschaffen, sondern laden vielmehr zu einer abwechslungsreichen Entdeckungsreise – für alle jene, die glauben, den «Norden» bereits zu kennen und natürlich für solche, die ihn erst entdecken möchten.

Mot Nord/Northbound (Norwegen 2015) von Jørn Nyseth Ranum
Mot Nord/Northbound (Norwegen 2015) von Jørn Nyseth Ranum

Die neun Programmblöcke des Grossen Fokus stehen miteinander im Dialog, versorgen sich mit wechselseitigen Kontextualisierungen und liefern Belege für wie auch Argumente gegen das Konstrukt eines «Nordischen Modells».

Alle Informationen zu den grossartigen internationalen Kurzfilmtagen in Winterthur findest du auf der Festivalwebsite: www.kurzfilmtage.ch

Miten marjoja poimitaan/How to Pick Berries (Finnland 2010) von Elina Talvensaari
Miten marjoja poimitaan/How to Pick Berries (Finnland 2010) von Elina Talvensaari

Damit ihr euch ein Bild über das Programm machen könnt, hier ein Aufriss aus dem Programm der neun Programmblöcke

Nordic Presents
Laufzeit 84′

Fr 16:30 Uhr Casino Theatersaal, anschliessend Q&A
Sa 22:30 Uhr Casino Festsaal, anschliessend Q&A

Von ABBA über Scandi Design und Viking Diet, von Sauna und Angry Birds über Rentiere und Santa Claus bis hin zu IKEA: Die nordischen Länder begeistern mit ihren Traditionen und Produkten die Welt. Die Filme in diesem Programm bezaubern unser Publikum – mit Charme, Witz und einer grossen Prise Scandi Style präsentieren sie «Geschenke aus dem Norden».

This Is Us
Laufzeit 92′

Mi 20:00 Uhr Casino Festsaal
Fr 14:30 Uhr Casino Festsaal, anschliessend Q&A

Das sind wir. Darauf sind wir stolz. Davor haben wir Angst. Das sind die anderen. Die sind anders als wir. Wer sind wir? – Themen, mit denen sich jede Nation auseinandersetzt, Fragen, auf die nur totalitäre Regime einfache Antworten haben. Die Filme versuchen mit lakonischem Humor oder liebevollem Ernst, vielschichtig verschlungen oder auch ganz direkt herauszufinden: Sind wir das?

This Is Me
Laufzeit 83′

Do 16:30 Uhr Casino Theatersaal, anschliessend Q&A
Fr 17:00 Uhr Casino Festsaal, anschliessend Q&A

Das bin ich. Das sind die anderen. Das bin ich inmitten der anderen. Bin ich das? This Is Me beschäftigt sich mit Einsamkeit, inneren Welten, Selbstdefinition, Ego, dem Überleben und dem Ausbrechen des inneren Schweinehundes. Eigenwillig, lakonisch und mit Hang zum Absurden zelebrieren die Filme Antihelden und widmen sich mit Vorliebe den menschlichen Schwächen. In langsamen Schritten schleicht sich dieses Programm von hinten an und zieht uns mit komisch-skurrilen Filmen in seinen Bann.

Frauenmenschen
Laufzeit 78′

So 11:30 Uhr Casino Theatersaal

«Kvinnofolk» – Schwedisch für «Frauenmenschen» – heisst Maj Wechselmanns Film in diesem Programm. Dass der Feminismus in Skandinavien eine lange Tradition hat, zeigt diese Auswahl an historischen Filmen. Weg von intellektuellen Manifesten und moralisierenden Mahnreden, trumpfen diese Filme allerdings mit einer eigenen Perspektive auf die Frauenbewegung auf: mit Witz, Satire und Provokation sowie mit unerwarteten Lernmomenten. So entpuppen sich die nordischen Länder nicht nur politisch als Vorreiter der Frauenbewegung, sondern auch künstlerisch.

Pussy Control
Laufzeit 80′

So 14:30 Uhr Casino Theatersaal, anschliessend Filmgespräch

Der Titel ist Programm: Ninja Thyberg und Lovisa Sirén vertauschen die Geschlechterrollen. Als Filmemacherinnen interessieren sie sich für Hierarchien, Machtstrukturen und Sexismus – immer aus weiblicher Perspektive. Und was für eine Perspektive das ist! Beide folgen in ihrem künstlerischen Werk einer klaren Vision, und sie sind bereit, dabei bis zum Äussersten zu gehen. Nichts für (moralisch) Zartbesaitete, dafür umso mehr für alle, die nicht vor einer erfrischend dreisten Auseinandersetzung mit Genderthemen zurückschrecken.

Nordic Boys
Laufzeit 88′

So 17:00 Uhr Casino Theatersaal

Männlich, aber kein Macho, mit feministischem Herz und einem angeborenen Sinn für Mode, überlebensfähig in der wildesten Natur, immun gegen Seekrankheit… Ist der nordische Mann etwa der ideale Mann? Zweifellos, zumindest den Klischees zufolge. Aber wie steht es mit der Realität? Ausgehend von den Klischees (weil es Spass macht, mit ihnen zu spielen), fragt Nordic Boys danach, was es heisst, ein Mann zu sein – nicht bloss in einer Männerwelt, sondern in Skandinavien, dem (angeblichen) Paradies der Geschlechtergleichheit.

In the Mood for Light
Laufzeit 84′

Mi 16:30 Uhr Casino Theatersaal
Fr 20:00 Uhr Casino Theatersaal, anschliessend Q&A

Humorvolle, lakonische und bildgewaltige Filme laden zur Entdeckung des nordischen Lichts ein. Extrem-Skateboarder am gefrorenen Strand in Nordnorwegen, Lichtfänger im Drogenrausch oder unermüdliche (alkoholisierte) «midsommar»-Zelebranten finden eine Stimme. Doch auch der abstraktere, distanzierte Blick auf die Folgen der vom Licht verursachten Stimmungsschwankungen kommt in diesem schwedisch-norwegischen Programm zum Ausdruck. Lasst uns das nordische Licht fühlen!

NIGHT:VISION
Laufzeit 74′

Sa 17:00 Uhr Casino Festsaal, anschliessend Q&A

Eine Auswahl visionärer Werke von zeitgenössischen nordischen Kunstschaffenden, die alle aus anderen künstlerischen Sparten zum Kino gekommen sind. Während die Filme für nichts ausserhalb ihrer selbst stehen, verbindet sie dennoch ein gewisses Interesse an der Dunkelheit, an Ritualen und an (physischen wie seelischen) Landschaften – vom sinnlichen Medium des Films behutsam gezeichnet und auf die geistige Leinwand in der Dunkelkammer unserer Fantasie projiziert.

Take a Walk on the Wild Site
Laufzeit 78′

Do 19:30 Uhr Kino Cameo, anschliessend Q&A

Der Norden und die Natur: Wälder, Seen, Meer – wohin das Auge reicht. Wenig Menschenvolk (vergessen wir die Touristen!), dafür aber Trolle, Ungeheuer und mächtige Götter. Obwohl jedes der Länder seine Eigenheiten aufweist, wenn es um Aberglaube, Mythologie und Tradition geht, so haben die nordischen Länder doch alle eines gemeinsam: Sie lassen den Menschen und die Natur, die Menschen und das Unerklärliche oder gar Übernatürliche miteinander verschmelzen. Ein archaisch-bildgewaltiges Programm über Mensch, Natur und Mystik.

Text: Kurzfilmtage Winterthur / Medienmitteilungen
Fotos: Kurzfilmtage Winterthur