Eines muss man den Schweden lassen. Sie haben ein ausgesprochenes Gespür für die Natur. Ihr sagt jetzt vielleicht: „Die haben auch genug davon“. Es ist jedoch nicht die Menge, die es ausmacht, sondern, wie sie damit umgehen. Bestes Beispiel ist das Naturreservat Stendörren in der Nähe von Nyköping, mitten in den Schären. Ich habe es für euch entdeckt und bin fasziniert.

Stendörren Naturreservat

In Schweden kann es schnell passieren, dass man den Überblick verliert. Man fährt durch die Natur, an Feldern vorbei, quer durch Wälder, mal links, mal rechts und plötzlich hat man keine Ahnung mehr, wo man sich genau befindet. So ist es mir auch beim ersten Besuch auf Stendörren ergangen. Von Nyköping her kommend bin ich auf der Landstrasse bis Sjösa gefahren und dann rechts abgebogen, an den Schlössern Ånga und Hälgö vorbei. Die Strecke ist gut beschildert und der Parkplatz ist einfach zu finden. Von Nyköping her benötigt man etwa eine halbe Stunde, um ins Naturreservat Stendörren zu gelangen.

Wenn sich die Landschaft plötzlich ändert

Den Parkplatz hab ich also gefunden. Ich war im Wald. Vor mir eine grosse Wiese, darauf ein Wohnmobil, aber sonst … weit und breit keine Schären. In bin dann dem erst besten Wegweiser gefolgt und nach einigen Metern Spaziergang durch den Wald war ich baff. Ich stand an der Ostseeküste und konnte über die Schären blicken. Das ist ein ergreifendes Gefühl für jemanden, der in einem Binnenland lebt. Mir hat diese Sicht auf das Meer und die kleinen Inselchen fast den Atem geraubt. Das Wetter war eher durchzogen, wie grandios muss das erst bei blauem Himmel und Sonnenschein aussehen?

Stendörren Naturreservat

Befassen wir uns aber nun etwas mit dem Hintergrund des Stendörren Naturreservat. Der Name Stendörren wird erstmals in der dänischen Fahrwasserbeschreibung „Navigato Danica“ aus dem 13. Jahrhundert erwähnt. Damit ist der schmalste Teil des Sundes gemeint; das Tor zum Meer oder in geschütztes Fahrwasser hinein. Genau an dieser schmalen Passage lag im 17. Jahrhundert das Gasthaus Stendörren. Das Gasthaus war für die Seemänner und diese durften 8 Tage bleiben, wenn sie auf besseres Wetter oder vorteilhaftere Winde warteten.

Das Reservat umfasst etwa 900 Hektare Küsten- und Schärenlandschaft. Es wurde eingerichtet, um seine grossen Naturwerte zu schützen und um es für Outdooraktivitäten zugänglich zu machen. Ein weiterer Grund ist, die Menschen über den Naturschutz, die Umwelt und die Kulturgeschichte zu informieren. Es ist typisch für Schweden, dass man Naturreservate nicht einfach absperrt und sich selber überlässt, sondern, dass man diese Zonen zugänglich macht und die Natur nutzt, um auch ihre Funktion besser kennen zu lernen. Man darf sich also nicht wundern, wenn man Schulklassen mitten unter der Woche in so einem Reservat antrifft. Die haben dann Unterricht und nicht Klassenfahrt.

Stendörren Naturreservat

Besuch Stendörren das ganze Jahr

Der Festlandteil von Stendörren und die nahe liegenden Inseln sind zu Fuss erreichbar. Über Hängebrücken und Stege erreicht man selbst die äusseren Schären mit Aussicht über die Fahrrinne und den Horizont. Im ganzen Gebiet wurden Grillplätze mit Holzvorräten, Mülltonnen, Toiletten und Windschutzhütten eingerichtet. Es gibt auch einen Aussichtsturm, von dem aus sich ein grosser Teil der Schärenlandschaft überschauen lässt. Markierte Wanderwege unterschiedlicher Länge helfen, zu den schönen Rastplätzen zu finden. Für Körperbehinderte wurde ein spezieller Rundweg angelegt. Stendörren ist zu jeder Jahreszeit eine Reise wert: zum Angeln, Baden, Wandern, Schlittschuh laufen, oder einfach zur Erholung.

Das Naturreservat Stendörren umfasst Areale und Biotope unterschiedlichen Charakters. Zum grössten Teil handelt es sich dabei um unberührte Natur – von nährstoffreichen Strandwiesen und üppigen Fichtenwäldern bis hin zu schroffen Felslandschaften mit Krüppelkiefern und Rentierflechten. Die Höfe Aspnäset, Stendörren und Griskär sind von kleinen Äckern und Weiden umgeben.

Begrenzter Arteinreichtum

Im gesamten Reservat ist die Ostsee stets gegenwärtig, denn sie liegt nie mehr als einen Steinwurf entfernt. Die Ostsee, die im Laufe ihrer Geschichte mal von Süss- mal von Salzwasser dominiert war, ist heute ein Binnenmeer mit Brackwasser. Der Lebensraum Ostsee ist recht individuenstark, jedoch kommen nicht viele verschiedene Arten vor, da die meisten in einem Wasser, das weder Salz- noch Süsswasser ist, nicht überleben können.

Der Artenreichtum ist begrenzt, wie es für eine Küstenlandschaft mit kalkarmem Felsgestein üblich ist. Man findet jedoch viele unterschiedliche Gewächse an charakteristischen Standorten. Im Wald kommen Sumpfporst, Torfmoose und Beeren vor. Auf den Felsen zwischen den Kiefern wachsen verschiedene Arten von Krustenflechten, Rentierflechten, und Geschlängelte Schmiele. Auf den Strandwiesen lassen sich Tausendgüldenkraut, Erdbeerklee und Gänsefingerkraut entdecken und an steinigen Stränden gedeihen Strand-Milchkraut und Gemeiner Baldrian. Auf kahlen Felsen findet man Schnittlauch, Scharfer Mauerpfeffer, Wilde Stiefmütterchen und Kleiner Sauerampfer.

Stendörren das Vogelparadies

Das Tierleben, das man in Stendörren antrift, besteht zum großen Teil aus Seevögeln. Flussseeschwalbe, Küstenseeschwalbe, Eiderente, Sturmmöwe, Silbermöwe, Mantelmöwe, Gänsesäger und Austernfischer sind ständig anzutreffen. Es ist auch nicht ungewöhnlich, einen Seeadler über die Baumwipfel segeln zu sehen. An Säugetieren gibt es Elche, Rehe, Dachse, Füchse und Hasen. Sie zeigen sich am Tage nicht oft den Besuchern, aber man sieht natürlich ihre Spuren im Reservat.

Schön gelegen an dem viel befahrenen Schärenfahrwasser und am alten Fischerhof Aspnäset liegt das Naturum Stendörren (in ganz Schweden gibt es 30 solcher Informationszentren). Das Gebäude besitzt die Umrisse eines Fischadlers, dem sörmländischen Landschaftsvogels. Hier gibt es eine Dauerausstellung sowie Themenausstellungen über Flora, Fauna, Geologie, Kulturgeschichte und Umwelt der Schärenlandschaft und der Ostsee. Den ganzen Sommer über finden im Naturum sowie in der umliegenden Natur Vorlesungen, Themenwanderungen und andere Aktivitäten statt. Im Naturum trifft man kompetente Guides, die helfen, sich zurecht zu finden, die Informationen geben oder Besucher durch das Reservat führen.

Stendörren Naturreservat

Schafe zur „Bearbeitung“ der Kulturlandschaft

Die Kulturlandschaft rund ums Naturum wird mit Hilfe weidender Schafe offen gehalten und es sind kleine Felder mit älteren Getreidesorten und vom Aussterben bedrohten Ackerpflanzen zu finden. Am Naturum liegen alte Boote, die vom Ende des 19. Jahrhunderts stammen. All dies vermittelt einen Eindruck davon, wie einst das Leben in den Schären aussah. Während der Saison werden auf den Feldern auch historische Bewirtschaftungsmethoden demonstriert.

Und damit das nicht vergessen geht. Diese ausgezeichnete Beschreibung des Stendörren Naturreservat stammt nicht von mir, sondern aus der offiziellen Broschüre von Stendörren. Ich bin von der Natur meist so beeindruckt, dass ich vergesse, mir meine Notizen zu machen oder die Details zu erfragen. Dafür stammen die meisten Fotos von meiner Kamera und zeigen die Vielseitigkeit dieses Reservats.

Besuchen kann man das Stendörren Naturreservat das ganze Jahr über. Leider hat das Naturum nur von Juni bis August täglich geöffnet, im Mai und September immerhin noch am Wochenende. Leider steht man ab Oktober bis Ende April vor verschlossenen Türen. Dies ist leider bei vielen Institutionen und Attraktionen in Schweden der Fall. Immerhin, die Natur hat das ganze Jahr geöffnet und ich bin sicher, dass Stendörren auch mit Schnee ein tolles Erlebnis für die ganze Familie ist. Man muss sich einfach entsprechend anziehen und die Wanderung durch den Schnee nicht scheuen.

Wer mehr wissen möchte kann dies unter: www.naturumstendorren.se oder per Mail naturum.stendorren@lansstyrelsen.se

Stendörren Naturreservat

 

 

Text: Andrea Ullius / Länsstyrelsen Södermanlands län
Foto: Andrea Ullius / Visitsormland / Lars-Ove Törnebohm / Fredrik Alpstedt / Mats Andersson / Pierre Pocs Photography /