Wer kennt ihn nicht, den grossartigen Kommissar Kurt Wallander aus den Romanen von Hennig Mankell. Leider ist Mankell im letzten Oktober verstorben, sein Kommissar lebt jedoch in Ystad weiter und erfreut sich unverminderter Beliebtheit. Mankell ist aber nicht nur für die Wallander Romane verantwortlich, er hat auch mitgeholfen, dass sich Ystad zum nordische Film-Mekka gemausert hat. Man trifft sogar Schweizer am Set.

Wer hätte gedacht, dass ein kleiner Polizeiposten in einem kleinen Ort im südlichsten Teil Schwedens derart viele komplizierte und brutale Verbrechen zu losen hat. Da hat Henning Mankell der Stadt Ystad ziemlich was eingebrockt. Unterdessen pilgern nämlich tausende von Krimifreunden in die 18’000 Seelen Gemeinde um die Schauplätze der Verbrechen zu besichtigen. Und diese Orte existieren tatsächlich. Natürlich nicht als Tatorte, sondern als Drehorte.

Typische Fachwerkbauten in Ystad. Da Holz knapp war, wurden Steine verwendet. (Foto Andrea Ullius)
Typische Fachwerkbauten in Ystad. Da Holz knapp war, wurden Steine verwendet. (Foto Andrea Ullius)
Wallander zum ersten: Mörder ohne Gesicht

Begonnen hat die Wallander Story 1991 mit dem Roman „Mörder ohne Gesicht“. Bereits ein Jahr später doppelte Mankell mit „Die Hunde von Riga“ nach. Für mich zweifellos das Beste aller Wallander Bücher zusammen mit „Feind im Schatten“. Für „Mörder ohne Gesicht“ erhielt Mankell im gleiche Jahr den schwedischen Krimipreis. „Mörder ohne Gesicht“ war ursprünglich als alleinstehendes Werk gedacht. Dank grossem Erfolg wurden dann 12 Romane und über 50 Filme über Kommissar Wallander und die Polizei in Ystad veröffentlich. Mankells Bücher haben sich bis jetzt über 30 Millionen mal verkauft und sind in über 40 Sprachen übersetzt worden.

Storyboard aus einer Wallander Verfilmung. (Foto Andrea Ullius)
Storyboard aus einer Wallander Verfilmung. (Foto Andrea Ullius)
Warum ist Wallander so beliebt?

Stellt sich die Frage, was die Krimis rund um Kurt Wallander so erfolgreich machen? Meines Erachtens liegt es an zwei Faktoren. Da ist in erster Linie sicher der Protagonist Kurt Wallander zu nennen. Er ist einer „von uns“. Er treibt keinen Sport, raucht, trinkt zu viel Alkohol und schläft schlecht. Er ist nicht vor Fehlern gefeiht, hat seine Launen und Probleme, ohne dass diese aber an allen Ecken und Enden forciert werden in den Büchern. Man hat das Gefühl, er lebt ein ganz normales Leben. Er ist geschieden, hat ein eingermassen gutes Verhältinis zu seiner Tochter Linda und hängt teilweise auch seinen Träumen nach. Seine Stärke ist die Intuition und eine grosse Portion Hartnäckigkeit. Eine Figur, die vielen sympathisch ist.

Hier wohnt Wallander's Tochter Linda mit ihrem Mann. (Foto Andrea Ullius)
Hier wohnt Wallander’s Tochter Linda mit ihrem Mann. (Foto Andrea Ullius)

Zweiter Erfolgsgarant ist Ystad. Die Stadt ist ziemlich klein und idyllisch mit all den schönen Fachwerkhäusern und Blumendekorationen. Das Böse, das Verbrechen bildet hier einen wirkungsvollen Kontrast. Und wenn dann die Schauplätze nicht als Tatort aber als reale Orte existieren, dann vermischt sich Realititä und Fiktion. Und so sitze ich dann hin und wieder in Fridolfs Konditori und habe das Gefühl, Kurt müsse jeden Moment auf eine Fika vorbei kommen.

Legendär die Fridolfs Konditori. Hier trinkt Wallander Kaffee. (Foto Andrea Ullius)
Legendär die Fridolfs Konditori. Hier trinkt Wallander Kaffee. (Foto Andrea Ullius)
Aus der Militär- wurde eine Filmstadt

Ystad war bis 1997 Basis eines Regiments, unter anderem der Flugabwehr. Als 1997 das Militär Ystad verliess, der Osten war keine echte Bedrohung mehr, herrschte anfänglich Ratlosigkeit in der Gemeinde. Viele Menschen hatten Dank des Militärs ein Einkommen und die Region identifizierte sich stark mit dem Heer. Nach und nach wurde das Kasernen Areal für Industriebetriebe, Wohnungen usw. umgenutzt. Was mit der riesigen 3500 Quadratmeter grossen ehemaligen Halle der Luftabwehr geschehen sollte, stand aber in den Sternen.

In einer Verfilmung wohnt hier ein Pädophiler mit seiner Mutter. (Foto Andrea Ullius)
In einer Verfilmung wohnt hier ein Pädophiler mit seiner Mutter. (Foto Andrea Ullius)

Da machte Henning Mankell den Vorschlag, die brachliegenden Hallen für Filmstudios zu nutzen. Seine Traum von einer florierenden Filmindustrie sollte Realität werden. Für die Finanzierung machte Mankell einen Deal mit der Gemeinde Ystad. Für jede Million Kronen Einnahmen durch die Initianten steuerte die Stadt zwei Millionen Kronen bei. Unterdessen hat man berechnet, dass mit jeder investierten Million eine Wertschöpfung von vier Millionen generiert wird. Wahrlich eine gute Investition. Und so wurden dann ab 2004 die Filme von Wallander in den neuen Ystad Studios gedreht. Die Hallen sind riesig und es können zwei Filmcrews gleichzeitig produzieren.

Das Wallander Museum bei den Ystad Studios. (Foto Andrea Ullius)
Das Wallander Museum bei den Ystad Studios. (Foto Andrea Ullius)
Drei Schauspieler als Wallander

Zurück zu den Wallander Filmen. Es gibt drei nennenswerte Schauspieler, welche die Rolle von Kurt Wallander gespielt haben. In neun Filmen ist Rolf Lassgård zu sehen. Die meisten Filme wurden mit Krister Henriksson verfilmt. Nebst den schwedischen Produktionen hat auch die englische BBC die zwölf Romane von Mankell verfilmt. Die Hauptrolle hatte hier Kenneth Branagh inne. Lustigerweise mochten die Briten Branagh nicht so, da sie ihn lieber in Shakespeare Rollen sahen.

Welcher Schauspieler ist dein Lieblings-Wallander? (Foto Andrea Ullius)
Welcher Schauspieler ist dein Lieblings-Wallander? (Foto Andrea Ullius)

Ich habe unterdessen alle Wallander-Filme gesehen. Krister Henriksson gefällt mir grundsätzlich am besten. Er spielt Wallander am authentischsten. Branagh ist mir doch zu depressiv, auch wenn seine schauspielerische Leistung grossartig ist. Lassgård hingegen ist mir etwas gar „versifft“, ich sehe Wallander in den Büchern etwas moderater.

Für mich der beste Wallander: Krister Henriksson. (Foto Andrea Ullius)
Für mich der beste Wallander: Krister Henriksson. (Foto Andrea Ullius)
Emotionen bei den letzten sechs Verfilmungen

Henning Mankell hat „nur“ 12 Wallander Romane geschrieben. Für die restlichen Verfilmungen hat er die Manuskripte verfasst, welche dann Basis für die Drehbücher waren. Mankell hatte also bei allen Filmen seine Finger im Spiel. Die letzten sechs Verfilmungen der Wallander Reihe sind keine in sich geschlossenen Folgen mehr. Mit Feind im Schatten wird Wallander’s Alzheimer-Erkrankung erstmals thematisiert. Über die sechs Folgen muss sich der Kommissar immer mehr mit seinen Aussetzern und der Vergesslichkeit ausseinandersetzten. Am Ende löst er den wahrscheinlich hässlichsten Fall seiner beruflichen Tätigkeit und gibt unter Tränen seinen Abschied. Die Tränen sind in diesem Fall nicht nur im Film geflossen. Das Ende von Wallander wurde wahrlich höchst Emotional inszeniert.

Hier hatte Polizeianwärter Pontus Streit mit seinem Vater wegen seines Sohnes. (Foto Andrea Ullius)
Hier hatte Polizeianwärter Pontus Streit mit seinem Vater wegen seines Sohnes. (Foto Andrea Ullius)
Kurioses bei den Dreharbeiten

Während der vielen Dreharbeiten in Ystad hat sich in all den Jahren auch die eine oder andere lustige Geschichte ereignet. Bei den Dreharbeiten der schwedischen und britischen Produktion ergaben sich gewisse Überschneidungen. Beide Crews drehten gleichzeitig und so begegneten sich Kristern Henrikssson und Kenneth Branagh in der Fussgängerzone von Ystad. Beide mutmassten angeblich, ob das jetzt Teil des Films sei oder nicht.

Auch die Bewohner von Ystad haben sich unterdessen an die Filmemacher gewöhnt. Gibt es wieder mal irgendwo eine Explosion, meinen die Einheimischen lapidar: „Ach, sie filmen wieder.“ Um der Vermischung von Fiktion und Realität etwas Einhalt zu gebieten, mussten am Abend am Gebäude, das für die Polizeistation verwendet wurde, die Polizeischilder abmontiert werden. Zuviele Leute suchten Hilfe bei der „Filmpolizei“.

Hier war die Polizeistation untergebracht. Die Schilder mussten über Nacht abmontiert werden. (Foto Andrea Ullius)
Hier war die Polizeistation untergebracht. Die Schilder mussten über Nacht abmontiert werden. (Foto Andrea Ullius)

Unterdessen ist Ystad die wichtigste Filmstadt in Skandinavien und viele Produktionen werden hier realisiert. Die Gemeinde hat für die Filmschaffenden eigens einen Koordinatoren eingestellt, der bei der Organisation von Personal, Bewilligungen und Equipment hilft. Da Ystad so klein ist und alles unkompliziert abläuft, wurden schon Bollywood Filme in Skåne verfilmt. Da tanzte dann die Meute in bunten Kleidern zu seltsamer Musik am Strand von Ystad.

Die Brücke schlägt Rekorde

Der letzte Blockbuster aus den Ystad Studios war „Die Brücke“, eine schwedisch dänische Co-Produktion. Die mehrteilige Serie zeigte auch das Schweizer Fernsehen mit grossem Erfolg. Nebst den Filmproduktionen bieten die Ystad Studios auch regelmässig Workshops für Jugendliche an. Früh übt sich, sag man sich.

Die Brücke, eine weitere Erfolgsgeschichte aus den Ystad Studios. (Foto Andrea Ullius)
Die Brücke, eine weitere Erfolgsgeschichte aus den Ystad Studios. (Foto Andrea Ullius)

Die Ystad Studios und die Drehorte in der Stadt werden von tausenden von Besuchern jedes Jahr heimgesucht. Dass ich dann aber grad auf eine Schweizer-Reisegruppe angeführt von Schauspielerin Sabina Schneebeli (Tatort Kommissarin) treffen würde, was dann doch Zufall. Die TV-Zeitschrift Tele organisierte zusammen mit Kontiki Reisen eine Krimi-Tour durch Schweden und machte gleichzeitig mit mir bei Wallander Halt. Ob sich da Sabine Schneebeli noch Ermittlungstipps bei Wallander abschaute?

Wer sich noch mehr für Wallander interessiert, findet via den folgenden Links weitere Informationen.

Henning Mankell
Wallander in Ystad

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