Ödevata Gårdshotell: Hundert Jahre lang wurde hier gebüsst. Heute wird gepaddelt.

Ödevata Gårdshotell in Småland: Hotel mit Vergangenheit

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Ich stehe vor einem langgestreckten roten Holzhaus mit vier Kaminen und frage mich, warum es aussieht wie eine Schule, ein Spital oder eine Kaserne. Die Antwort steht in keinem Prospekt: Der schwedische Staat hat hier von 1920 bis 1997 Menschen verwahrt, die er als Problem betrachtete. Säumige Familienväter, politische Flüchtlinge, Strafgefangene. Heute schlafe ich in genau diesem Haus, esse Eier von Hühnern, die zweihundert Meter entfernt scharren, und draussen liegen dreihundert Zwiebeln zum Trocknen auf dem Boden. Willkommen im Ödevata Gårdshotell.

Ödevata Gårdshotell
Wohnen zwischen den Seen, versprechen Schild und Steinmauer. Sie untertreiben: Es sind fünf. (Foto: Andrea UlliusÔ

Das Ödevata Gårdshotell liegt zehn Kilometer ausserhalb von Emmaboda, Kalmar län, mitten im Glasriket. Fünfzehn Hektar Land, sechzehn Gebäude, fünf Seen ringsum, direkt am Ödevaten. Rund 4000 Gäste im Jahr, verteilt auf 365 Tage, was in der Praxis bedeutet: Du hörst hier vor allem dich selbst. Und damit gleich ein Missverständnis aus dem Weg: Wildnis heisst hier nicht Expedition. Eine schmale, gut unterhaltene Strasse führt direkt bis vor die Tür, und du findest den Hof auch ohne Navigationsgerät. Die Abgeschiedenheit ist eine Sache der Umgebung, nicht der Erreichbarkeit.

Ich sage dir gleich vorweg, was dich erwartet, wenn du mitte August kommst wie ich. Ein paar Wohnmobile stehen auf den Stellplätzen. Ein paar Zimmer sind belegt. Schweden und Deutsche, überwiegend. Unten am Steg sitzt jemand mit einer Rute und beobachtet den Schwimmer, als hinge sein Seelenheil daran. Es ist Nachsaison, und das ist keine Einschränkung, das ist ein Argument.

Und weil ich in Schweden gelernt habe, immer das Praktische zuerst zu erledigen: Handyempfang und WLAN sind ausgezeichnet. Du kannst hier arbeiten. Du solltest es nur nicht tun. 

Was ich im Ödevata Gårdshotell nicht gefunden habe

Ich habe gesucht. Ehrlich gesucht. Ich bin durch die Gemeinschaftsräume gegangen, habe die Wände abgesucht, in Ecken geschaut, wo Häuser ihre Vergangenheit aufbewahren. Nichts. Kein Foto einer Anstaltsbelegschaft. Keine Tafel mit Jahreszahlen. Kein Vitrinchen mit rostigen Schlüsseln. 

Der Aufenthaltsraum hat eine Toile-de-Jouy-Tapete, eine alte Sekretärkommode, einen Kelimteppich und einen Efeu, der sich über die Möbel legt wie eine Katze. Die Gemeinschaftsküche hat eine Kochinsel, breite Holzdielen und zwei Esstische, an denen locker zwölf Leute sitzen. Das Zimmer ist hell, sauber, mit Holzverkleidung am Kopfende und einem freigelegten Backsteinkamin, an dem man sieht, dass das Haus älter ist als seine Renovierung.

Der Aufenthaltsraum
Der Gemeinschaftsraum im Hauptgebäude. Man sitzt hier auch mal zwei Stunden, wenn es regnet. (Foto: Andrea Ullius)
Das gemütliche Schlafzimmer
Mein Zimmer. Handtücher gestapelt, Bett gemacht, Gussheizkörper unter dem Fenster. Kein Design-Statement, dafür funktioniert alles. (Foto: Andrea Ullius)
Die Gemeinschaftsküche
Die Selbstversorgerküche. Hier wird der Abend entweder sehr gesellig oder sehr laut. (Foto: Andrea Ullius)

Erst von aussen fällt es dir wieder auf. Zwei Stockwerke, viel zu viele Fenster in viel zu regelmässigen Abständen, ein Baukörper, den niemand für eine Familie baut. Wer die Geschichte kennt, sieht sie. Wer sie nicht kennt, sieht ein schönes altes Haus. 

Ödevata Gårdshotell
Falunrot, vier Kamine, streng gereihte Fenster. Ein Haus, das nie für Ferien gedacht war. (Foto: Andrea Ullius)

Die Geschichte des Ödevata Gårdshotell hängt an keiner Wand

Teile des Hauptgebäudes stammen von 1880, der Hof selbst hat Wurzeln bis ins Mittelalter, damals ein grosser Bauernbetrieb. 1920 ging Ödevata in Staatsbesitz über. Dann kamen drei Kapitel, die man ohne Zeitgeschichte nicht versteht.

Zuerst richtete der Staat hier laut Angaben des Hotels Schwedens erstes Arbeitsheim für sogenannte försumliga familjefäder ein. Väter, die ihren Unterhaltspflichten nicht nachkamen. Das Gesetz über Kinder ausserhalb der Ehe von 1917 hatte diese Väter erstmals systematisch in die Pflicht genommen, weil die Gemeinden die Kosten nicht mehr tragen wollten. Das Armenfürsorgegesetz von 1918 verpflichtete Landstinge und grössere Städte, Arbeitsheime einzurichten. Der schwedische Wohlfahrtsstaat, dieses freundliche Modell, das wir in der Schweiz gern zitieren, hatte in seinen Anfängen einen strengen erzieherischen Zug. Ödevata war eines seiner Werkzeuge.

Während des Zweiten Weltkriegs diente die Anlage als Unterkunft für politische Flüchtlinge. Danach, fast fünfzig Jahre lang als offene Strafanstalt mit rund vierzig Angestellten und sechzig Insassen. Kein Stacheldraht, keine Gitter, offener Vollzug eben. Trotzdem war das kein Ort, an den man freiwillig kam. 1997 machte der Staat das Licht aus. Und dann geschah neun Jahre lang nichts, ausser dass Småland zurückkam. Dächer wurden undicht, Brombeeren übernahmen den Hof, sechzehn Gebäude verwilderten in aller Ruhe.

Zwei Menschen kaufen eine Ruine mit Vorstrafenregister

Im Herbst 2005 kauften Malin und Magnus Axelsson das Ganze. Überwuchert, halb verfallen, mit einer Vergangenheit, die man nicht auf einen Flyer druckt. Sie machten daraus zuerst ein Fischercamp, dann Schritt für Schritt das Ödevata Gårdshotell. Die Renovierung des Hauptgebäudes vom B&B zum Gårdshotell wurde  vom schwedischen Landwirtschaftsamt und dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für ländliche Entwicklung teilfinanziert, ausgeführt mit lokalen Handwerkern. Zwölf Zimmer, alle mit eigenem Bad: vier Familienzimmer, sechs Doppelzimmer, zwei Einzelzimmer. Dazu Ferienhäuser, die Apartments in Axelssons Gröna Länga, Camping und acht Stellplätze für Wohnmobile. 

Ödevata Gårdshotell
Auch für Camper ist Ödevata ein herrliches Plätzchen. (Foto: Andrea Ullius)

Die Rollenverteilung heute ist unkompliziert und wird auch so gelebt: Magnus und Malin sind die Eigentümer. Doro und Patrick pachten Hotel und Aktivitäten. Die vier arbeiten eng zusammen, und man merkt es daran, dass niemand dir erklärt, wer wofür zuständig ist. Es funktioniert einfach. 

Interessant finde ich, was die Axelssons mit der Geschichte gemacht haben. Sie leugnen sie nicht, im Gegenteil, auf ihrer Website steht die Kulturmiljö an prominenter Stelle: der Bauernhof, das Arbeitsheim, die Flüchtlingsunterkunft, die offene Anstalt, alle vier Schichten. Aber sie inszenieren sie auch nicht. Kein Gruselmarketing, kein «Schlafen im ehemaligen Gefängnis». Die Geschichte gehört zum Haus wie der Backsteinkamin im Zimmer.

Das Frühstückshaus hat mehr Solarzellen als Dachziegel

Am Morgen gehe ich zum Frühstück in ein weiteres rotes Haus, an dem „Frukost / Breakfast“ steht. Was mir zuerst auffällt, ist nicht das Schild, sondern das Dach: komplett belegt mit Solarpanels, nur ein schmaler Ziegelstreifen bleibt sichtbar. An der Fassade hängt eine Ladestation fürs Elektroauto, daneben eine Reihe gerahmter Zertifikate, wie man sie sonst in Arztpraxen sieht.

Ödevata Gårdshotell
Das Frühstückshaus. Das Dach arbeitet mit. Foto: (Andrea Ullius)

Auf dem Teller landen Eier vom Hof, Tomaten aus dem eigenen Anbau, selbst gemachte Aufstriche und Marmelade. Der Rest kommt aus der Umgebung. Hier gibt es kein Restaurant.Das muss man wissen: Frühstück ja, Abendessen nein. Dafür stehen Selbstversorgerküchen bereit, drinnen und draussen, dazu Grillplätze. Wer abends ein Menü mit Weinbegleitung erwartet, ist im falschen Haus. Wer gern selbst kocht und dabei mit einer holländischen Anglerfamilie ins Gespräch kommt, im richtigen. Meine Empfehlung im sonst trostlosen Emmaboda wäre das Indische Restaurant «Spicevilla» ( http://spicevilla.se/). Das Essen hier ist wirklich lecker.

Draussen sitzen Gartenmöbel unter alten Apfelbäumen im Gras. Das Fallobst liegt, wo es hingefallen ist, gelb und rot im Rasen, und niemand räumt es weg. In der Schweiz wäre das eine Nachlässigkeit. Hier ist es ein Kompostkonzept.

Ödevata Gårdshotell
Der Garten hinter dem Frühstückshaus. Stühle stehen, Äpfel fallen. (Foto: Andrea Ullius)

In der Orangerie von Ödevata wächst ein kleiner Dschungel

Und dann ist da dieses Gebäude, wegen dem Gemeinden, Verbände und Forschende hier vorbeikommen: die Framtidens Orangeri, die Orangerie der Zukunft. Ein grosses altes Gewächshaus mit rot lackiertem Metallrahmen, 165 Quadratmeter, davor ein Holzdeck mit Liegestühlen und Geranien, aus dem Dach ragt ein Ofenrohr.

Ödevata Gårdshotell
Das Framtidens Orangeri von der Terrasse aus. Links das Sedumdach, rechts hinten das Hauptgebäude. (Foto: Andrea Ullius)

Ich gehe rein und rechne mit dem Klima eines Tropenhauses. Falsch gedacht. Es ist angenehm. Nicht schwül, nicht stickig, und es riecht ausdrücklich nicht nach Fisch, obwohl hier eine Aquaponik-Anlage läuft, also Fischzucht und Pflanzenanbau in einem geschlossenen Kreislauf. Die Ausscheidungen der Fische düngen die Pflanzen, die Pflanzen reinigen das Wasser. Welche Fische genau darin schwimmen, habe ich nicht geklärt. Das war etwas nachlässig, nachfragen hätte Licht ins Dunkel gebracht.

Ödevata Gårdshotell
Drinnen ranken Bohnen bis unters Glasdach, dazwischen Blätter in Bananenformat. (Foto: Andrea Ullius)
Ödevata Gårdshotell
Diese Tomaten liegen am nächsten Morgen auf dem Frühstücksbuffet. Kürzere Lieferkette geht nicht. (Foto: Andrea Ullius)

Im Winter hat es hier drinnen rund achtzehn Grad, während draussen der Schnee liegt. Möglich macht das unter anderem der zweite Baustein des Hauses: Pflanzenkohle, auf Schwedisch biokol. Das Prinzip in einem Satz: Statt Holz zu verbrennen und Asche zu erhalten, verkohlt man es unter Sauerstoffabschluss. Übrig bleibt Kohlenstoff, der sich im Boden Jahrhunderte hält, statt als CO2 in die Atmosphäre zu gelangen.

Ödevata heizt so, stellt die Kohle in Kon-Tiki-Meilern her, hat Grillstellen gebaut, in denen beim Würstchenbraten nebenbei Pflanzenkohle entsteht, und verkauft das Material eimerweise an Gartenbesitzer der Umgebung. Die erste schwedische Pflanzenkohle-Konferenz fand auf diesem Hof statt. Auf dem Wohnhaus liegt laut Hersteller VegTech Schwedens erstes Sedumdach mit Pflanzenkohle, inzwischen sind vier Gebäude so begrünt.

Dazu gibt es ein eigenes Öko-Programm über fünf Jahre mit Zielen zu Abfall, Einkauf, Bauen, Strom, Heizung, Verkehr und Wasser. Erklärtes Ziel: klimapositiv. Mehr Kohlenstoff binden als ausstossen. Man kann das für Ökofrömmelei halten. Man kann aber auch anerkennen, dass hier jemand eine ehemalige Strafanstalt in ein Labor verwandelt hat und dich als Gast einfach mitdenken lässt, statt dir ein Zertifikat ans Bett zu nageln. 

Studienbesuche und Workshops zu Aquaponik, Pflanzenkohle und Selbstversorgung sind buchbar, Gruppen bekommen die Hofführung dazu. Der beste Beweis für die Ernsthaftigkeit liegt übrigens nicht im Gewächshaus, sondern in einem Nebengebäude auf dem blanken Boden: die Zwiebelernte. Gelbe und rote, in langen Reihen zum Trocknen ausgelegt, Hunderte davon. Das ist kein Deko-Element für Instagram. Das ist Vorratshaltung. 

Ödevata Gårdshotell
Die Zwiebelernte trocknet. Wer über Selbstversorgung nur redet, hat solche Bilder nicht. (Foto: Andrea Ullius)

Der See ist der eigentliche Chef des Hauses

Ein paar Schritte hinunter, und du stehst am Ödevaten. Schmal, sechs Kilometer lang, Seerosen am Ufer, Kiefernwald bis ans Wasser. Am Steg dümpeln Ruderboote mit Elektromotor und, für die kleinen Gäste, ein rosarotes Tretboot.

Ödevata Gårdshotell
Der Bootssteg. Hinten die schwimmende Sauna, vorn die Flotte. (Foto: Andrea Ullius)
Ödevata Gårdshotell
So geht Sauna. (Foto: Andrea Ullius)

Die schwimmende Sauna ist die Postkarte, die alle mitnehmen, und ich verstehe warum. Ein holzbefeuertes Fass auf einem Ponton, das du selbst in die Seemitte ziehst. Platz für ein bis sechs Personen, exklusiv für deine Gruppe, die Aufheizzeit wird bei der Buchung vereinbart. Ich hatte zu wenig Zeit, und das ärgert mich immer noch. Die Leute hier schwärmen, und zwar nicht auf die höfliche Art. Beim nächsten Mal nehme ich das Kanu, paddle raus und mache Picknick auf dem Wasser. Das steht fest.

Was du sonst tun kannst:

Angeln. Die älteste Kompetenz des Hauses. Der Ödevaten ist reich an Barsch, Hecht, Brachse, Schleie, Rotauge, Rotfeder, Karausche und Quappe. Wer Zander will, fährt zwanzig Kilometer zum Törn, dem grössten See der Gemeinde. Der Hechtrekord unter Gästen des Fiskecamps liegt bei vierzehn Kilo. Angelkarten, Boote, Ausrüstung und ein kleiner Shop sind vor Ort, die Seen liegen zwischen null und zwanzig Kilometern entfernt.

Paddeln. Kanu und Kajak inklusive Schwimmwesten und Karte. Die Hausrunde führt zum Südzipfel Buggehult, wo eine Bade- und Grillstelle wartet. Zehn Kilometer, rund zweieinhalb Stunden. Für längere Touren gibt es eine Kooperation am Fluss Lyckebyån: kanotlyckebyan.se

Wandern und Velofahren. Markierte Wege ab Hof, Beeren und Pilze in der Saison, Leihvelos. Ödevata ist Partner von Sweden by Bike: swedenbybike.com 

Ödevata Gårdshotell
Von hier aus starten die «Wasseraktivitäten» (Foto: Andrea Ullius)

Das ehrlichste Schild des Hofes steht im Gras

Neben dem Frühstückshaus liegt ein Haufen Kinderfahrzeuge im Rasen: Trottinette, Dreiräder, ein Gokart, ein rotes Velo, ein Rollbrett, das schon einiges gesehen hat. Darüber ein handbemaltes Holzschild mit einem P wie Parkplatz und dem Satz: Have fun, please bring it back. 

Ödevata Gårdshotell
Die Fahrzeugflotte für die kleinen Gäste. Reservation nicht möglich, Rückgabe erwünscht. (Foto: Andrea Ullius)

Kein Verleihformular, keine Haftungsklausel, keine Öffnungszeit. Nimm es, hab Spass, stell es zurück. In diesem einen Schild steckt mehr Betriebsphilosophie als in den meisten Nachhaltigkeitsberichten, die ich gelesen habe. 

Für Familien ist der Hof ohnehin gebaut: Spielplatz, Grillkåta, Tipi, Aussenküche, Aussenschach, Tiere, flaches Wasser, Familienzimmer und verbindbare Zimmer. Ein Zimmer ist barrierefrei ausgelegt. Hunde sind auf Anfrage willkommen.

Ödevata Gårdshotell
Es soll niemand sagen, Kinder könnten hier keinen Spass haben. (Foto: Andrea Ullius)

Was das Ödevata Gårdshotell bewusst nicht anbietet

Ein Haus erkennt man auch daran, was es weglässt. Kein Restaurant, wie gesagt. Keine Junggesellen- und Junggesellinnenabschiede, solche Buchungen nimmt der Betrieb ausdrücklich nicht an, weil er sich als Ort für Natur, Erholung und Gemeinschaft versteht. Ehrlich kommuniziert, und für alle anderen Gäste eine sehr gute Nachricht. 

Für Wohnmobilisten gilt: acht Stellplätze mit Strom, saubere Toiletten, Dusche, Spülbereich, aber keine Entsorgung für Chemietoilette und Grauwasser. Das musst du vorher wissen, sonst stehst du blöd da. 

Und für Gruppen: Das Landhotel lässt sich bis 25 Personen exklusiv buchen, mit Gruppenraum und Küchen. Es gibt einen Konferenzraum. Wer schon einmal eine Teamsitzung an einem Ort abgehalten hat, an dem niemand nach draussen flüchten kann, ausser in einen Kanadier, weiss, wie produktiv so etwas wird.

Rundherum: Auswandererland und Glasreich in einem

Ödevata liegt an einem der dichtesten Kulturknoten Smålands. Zwei grosse Erzählungen kreuzen sich genau hier:

Vilhelm Mobergs Auswandererland. Zwischen 1846 und 1930 wanderten rund 250 000 Småländer nach Amerika aus. Moberg, geboren am 20. August 1898 in einem Soldatentorp bei Moshultamåla in Algutsboda, hat daraus Weltliteratur gemacht. 

Duvemåla, keine fünfzehn Autominuten entfernt: Hier wurde 1833 Mobergs Grossmutter Johanna Johannesdotter geboren, das reale Vorbild für die Romanfigur Kristina. Sechs ihrer sieben Kinder wanderten aus. Ihr Häuschen wurde in den 1930er-Jahren abgerissen, erhalten ist der Rundqvistagården gegenüber, heute Museum mit Kaffeestube. Dort lebten vier unverheiratete Geschwister bis 1989 ohne Strom, Wasser und Telefon. Nach dem Tod des letzten Bruders fand man rund eine Million Kronen im Haus versteckt. Erben gab es keine. Infos: mojligheternashusab.se/duvemala.html 

Klasatorpet in Långasjö, südwestlich von Emmaboda, diente Jan Troell 1970 als Korpamoen, das Zuhause von Karl-Oskar und Kristina im Film mit Max von Sydow und Liv Ullmann. Geöffnet etwa von Mittsommer bis Mitte August. Infos: glasriket.se/resa/klasatorpet-korpamoen 

Mobergstenen in Moshultamåla markiert den Geburtsort. Moberg weigerte sich, zur Einweihung zu kommen, mit dem Argument, er sei ja noch nicht tot. Hintergrund: vilhelmmobergsallskapet.se

Die Utvandrarleden verbindet diese Orte als Wander- und Radrundtour durch die Gemeinden Emmaboda, Lessebo und Tingsryd: utvandrarleden.se 

Einen guten Überblick über alle Moberg-Schauplätze gibt es bei der Gemeinde Emmaboda: emmaboda.se 

Das Glasriket. Kosta Glasbruk, 1742 von zwei Offizieren aus Karl XII. Armee gegründet, Anders Koskull und Georg Bogislaus Staël von Holstein, deren Namen zusammen Kosta ergeben, ist Schwedens älteste noch arbeitende Glashütte. Zur Blütezeit liefen rund 45 Hütten gleichzeitig. Heute sind etwa dreizehn Glashütten und Studios aktiv, die Marken Orrefors und Boda werden inzwischen in Kosta produziert. Orrefors schloss die eigene Hütte 2013, Boda die grosse Hütte 2003. 

In Reichweite von Ödevata: 

The Glass Factory in Boda glasbruk, Schwedens einziges reines Glasmuseum, rund 17 Kilometer entfernt: theglassfactory.se 

Kosta Glasbruk mit offener Hütte, Kosta Art Gallery und dem 20 000 Quadratmeter grossen Kosta Outlet: kostaboda.se und destinationkosta.se 

Målerås Glasbruk, seit 1890 in Betrieb, mit Fabrikladen, Ausstellung und Restaurant: maleras.se 

Kyrkeby Gårdsbränneri bei Vissefjärda, Byggnadsminne und Museumsbrennerei. Hier wurde von den 1770er-Jahren bis 1971 gebrannt, die gesamte Prozessausrüstung ist erhalten, und nach einem Neustart wird wieder produziert: glasriket.se/location-other/kyrkeby-branneri 

Grönåsens Älgpark, rund vier Kilometer östlich von Kosta, seit 1994 einer der grösseren Elchparks Schwedens. Ein 1300 Meter langer Rundweg führt am Gehege entlang, dazu Aussichtsplattformen, Kleintiere und ein Elchshop. Geöffnet etwa von Ostern bis Allerheiligen, Seiten auch auf Deutsch: gronasen.se 

Kosta Safaripark, ebenfalls bei Kosta, 200 Hektar Gehege, durch das du mit dem eigenen Auto fährst. Tickets gibt es online oder an mehreren Vorverkaufsstellen im Ort: glasriket.se/resa/kosta-safaripark 

Glasrikets Älgpark bei Nybro, die dritte Variante: geführte Elchsafari im Traktoranhänger, rund 50 Minuten, auch auf Deutsch. Von Ödevata aus die längste Anfahrt der drei: glasriketsalgpark.se 

Kalmar Slott, gut fünfzig Kilometer entfernt, auf dem Weg nach Öland: kalmarslott.se
Sammelseite für die ganze Region mit Öffnungszeiten aller Hütten: glasriket.se
Und wenn du schon dort bist: Ein hyttsill-Abend, das traditionelle Hüttenheringsessen in der warmen Glashütte, ist der kulinarische Klassiker der Region.

Für wen das Ödevata Gårdshotell passt und für wen nicht

Gut geeignet für: Familien mit Kindern jeden Alters, Angler von der Blinkerfraktion bis zum Stippen mit dem Grosskind, Paare, die eine holzbefeuerte Sauna einem Spa mit Panflötenmusik vorziehen, Wohnmobilreisende auf dem Weg nach Kalmar und Öland, Firmen und Vereine mit Tagungsbedarf ohne Ablenkung, Alleinreisende, die Gesellschaft in der Gemeinschaftsküche schätzen, und alle, die wissen wollen, wie Kreislaufwirtschaft in der Praxis aussieht.

Weniger geeignet für: alle, die abends bedient werden wollen, alle, die ohne Auto mobil bleiben müssen, alle, die Nachtleben brauchen, und Gruppen mit Polterabend-Plänen.

Warum ich nach Ödevata wiederkomme

Hundert Jahre lang war Ödevata ein Ort, an dem der schwedische Staat Menschen zur Arbeit verpflichtete, um sie zu bessern. Heute kommen sie freiwillig, zahlen dafür, heizen die Sauna selber ein und lassen sich erklären, wie man Kohle macht, die dem Klima nützt.
Ich hatte zu wenig Zeit und habe die halbe Anlage nur angeschaut statt benutzt. Das Kanu liegt immer noch am Steg, das Picknick ist noch nicht ausgepackt, und die schwimmende Sauna habe ich bisher nur fotografiert. Der schwedische Wohlfahrtsstaat hat sich in diesem Haus schon viel ausgedacht. Dass jemand einmal traurig wieder abreist, weil er zu wenig Zeit zum Faulenzen hatte, dürfte nicht dabei gewesen sein.

Ödevata Gårdshotell
Da mache ich es mir nächstes Mal gemütlich. (Foto: Andrea Ullius)

Praxis-Infos 

Ödevata Gårdshotell

Ödevata 104, SE-361 92 Emmaboda, Kalmar län
+46 471 504 30
info@odevata.se
www.odevatagardshotell.se 

Lage und Anreise
ca. 10 km ausserhalb Emmaboda, am See Ödevaten
Flughafen Kalmar ca. 50 km, Ronneby ca. 69 km
Bahnhof Emmaboda, von dort Auto oder Taxi nötig

Unterkünfte
12 Hotelzimmer mit eigenem Bad (4 Familien-, 6 Doppel-, 2 Einzelzimmer
Ferienhäuser, Apartments Gröna Länga,
Camping, 8 Wohnmobilstellplätze (ohne Entsorgung)

Verpflegung
Frühstück mit Hofprodukten, kein Restaurant
Selbstversorgerküchen, Grillplätze

Aktivitäten
Angeln, Kanu/Kajak, Ruderboote mit E-Motor,
Saunafloss, Badezuber, Wandern, Velo,
Studienbesuche Aquaponik und Pflanzenkohle

Weiteres
Haustiere: auf Anfrage, evtl. gegen Gebühr
Saison: ganzjährig geöffnet
Preise: aktuelle Tarife für Zimmer, Boote, Saunafloss und Angelkarten auf odevatagardshotell.se
Mindestaufenthalt: im Juli und August verlangt der Betrieb je nach Unterkunft mindestens drei Nächte, im Mai und Juni zwei.

Quellen

  • Ödevata Gårdshotell, offizielle Website in deutscher und schwedischer Fassung: Über Ödevata, Landhotel und Unterkünfte, Wohnmobilstellplätze, Aktivitäten (Angeln, Paddeln, Sauna), Pakete, Gruppenreisen, Nachhaltigkeit, Nyheter
  • Ödevata FiskeCamp, odevata.se
  • Eigener Besuch vor Ort und Gespräche auf dem Hof, September 2026
  • FLIARA (EU-Projekt), Farming Fact Sheet #085: Ödevata Gårdshotell
  • Glasriket.se: Ödevata Gårdshotell & Fiskecamp, Kosta Glasbruk, Utvandrarbygden
  • Visit Småland
  • Emmaboda kommun: Museer, Duvemåla
  • Möjligheternas Hus AB: Duvemåla
  • Wikipedia (sv): Duvemåla, Glasriket, Boda glasbruk, Orrefors glasbruk
  • Utvandrarleden.se: Vilhelm Moberg
  • Kosta Boda: Historia
  • Länsstyrelsen Kalmar: Boda glasbruk; Kulturhistorisk guide Kosta glasbruk
  • Kalmar läns museum: Glasriket
  • VegTech Sverige: Sveriges första sedumtak med biokol
  • Sweden by Bike: Ödevata Gårdshotell
  • Grönåsens Älgpark, gronasen.se, und Glasrikets Älgpark, glasriketsalgpark.se
  • Enterprise Magazine, Juni bis August 2020: Ödevata Gårdshotell & fiskecamp
  • Hans Högman, Svensk historia: Fattigvårdslagen 1918
  • Populär Historia: Född utanför äktenskapet (Gesetz über Kinder ausserhalb der Ehe, 1917)
  • Alle Fotos: Andrea Ullius 

Zur Quellensuche, Textverbesserung und Übersetzung nutze ich unter anderem KI-Werkzeuge und Deepl. Recherche, Auswahl und Bewertung der Fakten bleiben bei mir.

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Autor des Artikels

Andrea Ullius
DROGIST - AUTOR - BLOGGER UND SCOUT Vom Norden begeistern, am Rest der Welt interessiert. Schreibt vorwiegend in und über Schweden, Skandinavien und die Schweiz. Ich schreibe auf www.schwedenhappen.ch und www.ullala.ch Freischaffender Autor für NORDIS MAGAZIN, NORDCAMPER und NORDLAND MAGAZIN und weitere. MEMBER of DEUTSCHER VERBAND DER PRESSEJOURNALISTEN. MEMBER OF SWISS TRAVELCOMMUNICATORS. AMBASSADOR of SKANDINAVIEN.LIVE.