Bevor jemand jetzt auf dumme Gedanken kommt, es geht in diesem Artikel um Kaffee und Köstlichkeiten. Fika ist in Schweden ein Heiligtum. Fika steht grob gesagt für Kaffeetrinken, und das machen die Schweden gerne, mehrmals am Tag. Kein Wunder ist Schweden die Nummer zwei weltweit, wenn es um den Kaffeeverbrauch pro Kopf geht. Das Mekka von Fika ist Alingsås, und diesen Ort habe ich besucht.

Alingsås hat sich in den vergangenen Jahren zu einem richtigen Zentrum für Fika, oder eben Kaffeetrinken gemausert. Die 40’000 Einwohner umfassende Gemeinde ist stolz auf ihre 30 Kaffees. Drei davon gehören zu den Top-Adressen in Schweden und sind in der Gastrobibel White Guide gelistet. Im Mai 2016 wurde in Stockholm das Nygrens Café als „Fika Spot of the Year“ ausgezeichnet. Über das Nygrens habe ich bereits einen Artikel geschriben.

Alingsås: Nygrens Café

Wärs mit einer Fikavandring?

Der Kult um Fika geht in Alingså soweit, dass die Toursmusorganisation eine „Fikavandring“, also eine Kaffetrink-Tour ins Leben gerufen hat. Da pilgert man nun unter kundiger Führung von Kaffee zu Kaffee, degustiert von Allem und erfährt Spannendes zum Thema Fika.

Sandra Grönkvist vom Nygrens Café ist das Aushängeschild der ganzen Fika-Bewegung in Alingsås. Seit fünf Jahren betreibt Sie zusammen mit ihrem Vater und einer Kollegin das Lokal an der Drottninggatan 27, das an Charme kaum zu überbieten ist. Ich habe mich jedenfalls sofort in dieses schmucke Ding verliebt. Das Team vom Nygrens Café macht alles selber, inklusive das Brot und verwendet nur hochwertige und frische Zutaten.

Fika
Meine erste Stärkung am Tag: Cappuchino und Fralla. (Foto Andrea Ullius)

Bei einem Kaffee und einer Fralla (Frühstückssandwich) erzählt mir Sandra Grönkvist mehr über die Tradition von Fika. Fika hat in Schweden einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Es ist eine soziale Insitution und schon über 100 Jahre alt. Sowohl am Arbeitsplatz als auch privat wird ein- oder mehrmals täglich Fika gemacht. Man verabredet sich mit Arbeitskollegen oder Freunden auf eine Schwatz. Bei uns macht man ja auch Pause und trinkt einen Kaffee, aber das Ritual ist nicht vergleichbar.

Fika
Gemeinsam macht eine Fika einfach Spass. (Foto Simon Paulin/imagebank.sweden.se)
52 Minuten Fika pro Person

Leicht gestaunt habe ich, dass gemäss Sandra die „richtige“ Fika um 11 Uhr statt findet. Ob das nicht etwas gar nah an der Mittagspause ist, wollte ich von ihr wissen. „Nein, das geht schon. Wir essen ja nur etwas Kleines. Abgesehen davon essen wir Schweden sehr gerne“, sagt die charmante Schwedin und muss lachen. Am Nachmittag zwischen drei und vier ist dann die Nachmittags-Fika fällig. Hier muss ich allerdings einschieben, dass ich in Bezug auf die Fika-Zeiten ganz unterschiedliche Informationen bekommen habe. Mit den Zeiten muss man es folglich nicht so eng sehen. Wenn man Lust auf Fika hat, dann macht man Fika. Im Durchschnitt machen die Schweden 52 Minuten Fika pro Tag. Ein stattlicher Wert. Und selbst wenn sich die Arbeit auf dem Schreibtisch türmt, Fika wird nicht angetastet. In der Firma werden nämlich dann nicht nur private, sondern auch geschäftliche Sachen besprochen. Informativ oder konspirativ, je nach Sachlage.

Ein Tempel für Süssigkeiten: Die Konditori Foucs in Falun. (Foto Andrea Ullius)
Ein Tempel für Süssigkeiten: Die Konditori Foucs in Falun. (Foto Andrea Ullius)

Nicht in allen Regionen Schwedens geht man für Fika ins Kaffee. Teilweise kauft man auch in der Bäckerei die Naschsachen und nimmt sie mit nach hause. Dort wird das Geplauder mit der Familie oder den Nachbarn abgehalten.

Speziell ist die Sonntags-Fika. Da wird tüchtig gebacken. „Meine Mutter macht es noch richtig traditionell. Sie backt sieben verschiedene Sorten Kuchen und wir essen sie“, sagt Sandra Grönkvist.

Sieben Sorten Kuchen gehören traditionell zur Sonntags-Fika. (Foto Susanne Walström/imagebank.sweden.se)
Sieben Sorten Kuchen gehören traditionell zur Sonntags-Fika. (Foto Susanne Walström/imagebank.sweden.se)
Feiertage für Süssigkeiten

Im Unterschied zu uns, wir trinken oft einfach einen Kaffee, maximal ein Gipfeli (so sagen wir Schweizer dem Croissant), essen die Schweden immer eine Kleinigkeit wenn sie Fika machen. Sie nennen das dann „Fikabröd“, wobei das nicht Brot sein muss, sondern alle Arten von Gebäck, Kuchen, Süsswaren und Torten. Die Schweden haben in Bezug auf Süssigkeiten sowieso einen „Flick“ ab. Es gibt sogar Feiertage für ihre Leckereien:

  • „Fettis Dagen“. Der ist immer am Tag vor Aschermittwoch und es gibt traditionell Semlor
  • „Wafflor Dagen“ Das ist der Waffeltag am 25. März. Waffeleisen und der dazugehörige Teig und sämtliche andere leckere Zutaten werden sogar mit ins Büro geschleppt
  • „Kanelbullens Dag“ Am 4. Oktober ist der Tag der Zimtschnecken. Da gibt es dann kein Halten mehr.
Allerhand Süsses und Pikantes steht für die Fika im Le Petit Café in Göteborg bereit. (Foto Andrea Ullius)
Allerhand Süsses und Pikantes steht für die Fika im Le Petit Café in Göteborg bereit. (Foto Andrea Ullius)
Fika begeistert auch Studenten

Wer sich für die schwedische Kultur interessiert wir zwangsläufig mit den Thema Fika“ konfrontiert. Genau so ist es auch dem Schweizer Fabian Schmid ergangen. Er studiert an der Zürcher Hochschule der Künste und absolvierte in Göteborg ein Austauschsemester. Er wurde wie alle Schweden zu einen leidenschaftlichen Kaffeetrinker und beschloss seine Diplomarbeit dem Thema „Fika“ zu widmen.

Entstanden ist eine grandiose 6-teilige Web-Serie mit den Hintergründen zu Fika, was die Menschen darüber denken und wie sie zelebriert wird. Schaut euch das an. Ich finde die Filme wirklich toll. Übrigens hat Fabian sein Studium erfolgreich beendet. Mehr Infos findet ihr unter anderem auf Fabians Webseite www.tohave.coffee. Einen kleinen Vorgeschmack gibt’s beim folgenden Trailer.

 

Und wer jetzt glaubt, dass alle Schweden verkappte Bäcker und Konditoren sind, der wird enttäuscht. Heutzutags, werden die Süssigkeiten im Laden oder im Kaffee gekauft und nur noch die ganz Angefressenen backen selber. Das ist dann wieder wie bei uns. So und jetzt mache ich Fika. Hej då!

Text: Andrea Ullius
Fotos: Andrea Ullius / imagebank.sweden.se